
CO2-Kennzahlen entwickeln sich zunehmend von einem freiwilligen Bewertungsansatz hin zu einem prüfungsrelevanten Thema. Strengere regulatorische Vorschriften, erhöhte Anforderungen im Rahmen der Abschlussprüfung sowie steigende Erwartungen von Investor:innen und Kund:innen bewirken, dass produktbezogene Emissionsdaten immer stärker in den Fokus der Überprüfung und Nachhaltigkeitskommunikation rücken. Im Zentrum steht dabei der Product Carbon Footprint (PCF) als zentrale Kennzahl zur Bewertung der Klimawirkung von Produkten über ihren gesamten Lebenszyklus. Dieser Beitrag widmet sich dem Thema PCF-Verifizierung und gibt einen Überblick über die methodischen Grundlagen, die Bedeutung der Verifizierung sowie die regulatorischen und wirtschaftlichen Implikationen für Unternehmen.
1. Was ist der Product Carbon Footprint (PCF)?
Der Product Carbon Footprint beschreibt die Summe aller Treibhausgasemissionen, die entlang des gesamten Lebenszyklus eines Produkts entstehen. Dazu zählen alle Phasen von der Rohstoffgewinnung über Herstellung, Transport und Nutzung bis hin zur Entsorgung. Berechnungen folgen dem „cradle to gate“ oder „cradle to grave“-Ansatz. Der PCF liefert eine methodisch fundierte, quantifizierbare Grundlage zur Bewertung der Klimawirkung einzelner Produkte und gewinnt zunehmend an Bedeutung als Steuerungs‑, Reporting‑ und Kommunikationsinstrument.
2. Welche Standards liegen der PCF‑Berechnung zugrunde?
Die Ermittlung des Product Carbon Footprint erfolgt auf Basis international anerkannter Normen und Standards, wie z.B. ISO 14040 und ISO 14044 (als Teil der Lebenszyklusanalyse „LCA“), der ISO 14067 (Product Carbon Footprint), des Greenhouse Gas Protocol (Product Standard) oder PAS 2050.
Ergänzt werden diese durch branchenspezifische methodische Leitlinien, wie beispielsweise die PACT‑Methode (Partnership for Carbon Transparency) oder PEFCR (Product Environmental Footprint Category Rules der Europäischen Union). Diese werden genutzt, um eine Harmonisierung und Vergleichbarkeit von produktbezogenen Emissionsdaten in definierten Sektoren bzw. Produktgruppen zu schaffen. Diese Regelwerke definieren beispielsweise Anforderungen an Systemgrenzen, Datenerhebung oder Methoden und fördern damit Vergleichbarkeit, Transparenz und Nachvollziehbarkeit von Ergebnissen.
In der praktischen Umsetzung bleibt die PCF‑Berechnung trotz Standards und methodischer Leitlinien jedoch anspruchsvoll aufgrund von komplexen Daten entlang globale Lieferketten. Die Berücksichtigung indirekter Emissionen sowie methodische Annahmen führen dazu, dass die Aussagekraft der Ergebnisse maßgeblich von Datenqualität und der konsistenten Anwendung der Methodik abhängt.
3. Warum ist die Verifizierung von PCF‑Daten entscheidend?
Die Verifizierung von PCF‑Daten dient der systematischen Prüfung der angewandten Methoden, Datenquellen und Berechnungen sowie deren Abgleich mit den jeweils geltenden Standards. Ziel ist es, sicherzustellen, dass die ausgewiesenen Emissionsdaten wissenschaftlich fundiert, konsistent und nachvollziehbar sind. Verifizierung trägt wesentlich zur Erhöhung der Transparenz bei und stärkt die Glaubwürdigkeit. Für Unternehmen bedeutet dies, dass ihre Angaben nicht nur internen Steuerungs‑ und Entscheidungszwecken dienen, sondern auch externen Prüfungen standhalten. Verifizierte PCF‑Daten schaffen Vertrauen bei Kund:innen, Investor:innen und Geschäftspartner:innen und werden zunehmend zur Voraussetzung für die Teilnahme an nachhaltigen Lieferketten sowie für eine belastbare externe Kommunikation.
4. Wie wird eine PCF-Verifizierung durchgeführt?
Im Rahmen einer Verifizierung werden die zugrunde liegenden Berechnungslogiken, Emissionsfaktoren und Annahmen detailliert analysiert und mit etablierten Standards, wie z.B. ISO 14040 & 14044 (für LCAs), ISO 14067 (für PCFs), sowie ISO 14071 (Prüfstandard) oder Leitlinien PACT, PEFCR, abgeglichen.
Dabei wird nicht nur überprüft, ob die Ergebnisse plausibel sind, sondern auch, ob die gewählte Methodik angemessen und konsistent angewendet wurde. Dieser strukturierte Prüfprozess schafft Klarheit über die Qualität der Daten und deckt mögliche Schwachstellen oder Inkonsistenzen auf.
Für Unternehmen entsteht dadurch ein zusätzlicher Mehrwert. Sie erhalten dabei Empfehlungen, wie sie ihre Datenerhebung und Berechnungsansätze verbessern und effizienter gestalten können. Häufig führt dies zu einer höheren Datenqualität, schlankeren Prozessen und einer besseren internen Steuerungsfähigkeit im Umgang mit Emissionen.
5. Welche direkten und indirekten regulatorischen Anforderungen bestehen auf EU‑Ebene?
Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD)
Mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) werden bestimmte Unternehmen verpflichtet, umfassende, konsistente und prüfbare Nachhaltigkeitsinformationen offenzulegen. Diese umfassen insbesondere detaillierte Angaben zu Treibhausgasemissionen entlang der Wertschöpfungskette (Scope 3.1). Die Qualität, Vollständigkeit und Nachvollziehbarkeit der zugrunde liegenden lieferantenspezifischen PCF-Daten zur Berechnung des Corporate Carbon Footprints können somit indirekt in den Fokus der Abschluss‑ und Nachhaltigkeitsprüfung rücken.
EmpCo‑Richtlinie (Empowering Consumers for the Green Transition)
Die EmpCo‑Richtlinie zielt darauf ab, Verbraucher:innen besser vor irreführenden Umwelt‑ und Nachhaltigkeitsaussagen zu schützen. Sie verschärft insbesondere die Anforderungen an produktbezogene Umweltinformationen, indem pauschale oder nicht belegte Green Claims untersagt und nur noch nachweislich fundierte, überprüfbare Aussagen zugelassen werden. Für Unternehmen bedeutet dies, dass produktbezogene Kennzahlen, wie der Product Carbon Footprint, methodisch sauber hergeleitet, transparent dokumentiert und verifizierbar sein müssen. Die EmpCo‑Richtlinie erhöht damit den Druck, belastbare PCF‑Daten als Grundlage der Produktkommunikation vorzuhalten.
Green Claims Directive und Vermeidung von Greenwashing
Mit der geplanten Green Claims Directive werden Unternehmen verpflichtet, umweltbezogene Aussagen wissenschaftlich zu belegen und unabhängig überprüfen zu lassen. Ziel ist es, irreführende oder nicht hinreichend belegte Nachhaltigkeitsaussagen zu verhindern und die Vergleichbarkeit sowie Glaubwürdigkeit von Umweltinformationen deutlich zu erhöhen. Nicht validierte oder methodisch schwach abgesicherte Aussagen bergen damit nicht nur Reputations‑, sondern auch erhebliche regulatorische Risiken.
Im Juni 2025 schien die Einführung der Green Claims Directive kurz bevorzustehen. Der Prozess wurde jedoch von der EU-Kommission kurzfristig gestoppt. Auslöser war der Widerstand der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament, die vor Überregulierung, insbesondere für Kleinstunternehmen, warnte. Statt einer Einigung wurde das Vorhaben zur weiteren Prüfung zurückgestellt (on hold). Seitdem ist unklar, ob und in welcher Form die Richtlinie umgesetzt wird.
6. Welche wirtschaftlichen Vorteile ergeben sich aus einer PCF-Verifizierung?
Wettbewerbsvorteile und Marktzugang
Verlässliche und geprüfte PCF-Daten schaffen Vertrauen bei Kund:innen, Partner:innen und Investor:innen und können die Marktposition eines Unternehmens nachhaltig stärken. Sie erhöhen die Chancen in Ausschreibungen, da belastbare Emissionsdaten zunehmend als Entscheidungskriterium herangezogen werden. Darüber hinaus verbessern sie den Zugang zu nachhaltigen Lieferketten, in denen transparente CO₂-Daten oft Voraussetzung für eine Zusammenarbeit sind.
In der Praxis nutzen Kund:innen PCF-Daten beispielsweise, um ihren eigenen Corporate Carbon Footprint (CCF) zu berechnen. Unternehmen, die hier keine validen Daten liefern können, riskieren, aus Lieferketten ausgeschlossen zu werden. Gleichzeitig dienen geprüfte PCF-Werte als belastbare Grundlage für Umweltaussagen im Marketing und in der Kund:innenkommunikation, insbesondere unter Berücksichtigung der EmpCo-Richtlinie.
Identifikation von Effizienzpotenzialen
Die systematische Erhebung und Analyse von Emissionsdaten ermöglicht es Unternehmen, konkrete produktspezifische Emissions-Hotspots entlang der Wertschöpfungskette & im eigenen Unternehmen zu identifizieren. Darauf aufbauend können gezielte Maßnahmen zur Reduktion von produktspezifischen CO₂-Emissionen umgesetzt werden. Diese Maßnahmen führen häufig nicht nur zu einer besseren Klimabilanz, sondern auch zu operativen Effizienzsteigerungen, etwa durch geringeren Energie- oder Materialeinsatz.
Risikominimierung und Rechtssicherheit
Nicht verifizierte oder fehlerhafte PCF-Daten bergen erhebliche Risiken von Haftungsrisiken bis hin zu Reputationsschäden. Da Emissionsdaten zunehmend in Einkaufsentscheidungen und Vergabeprozesse einfließen, können falsche Angaben direkte wirtschaftliche Konsequenzen haben. Im schlimmsten Fall drohen Klagen von Wettbewerber:innen, Verbraucher:innen oder NGOs, wenn Entscheidungen auf unzutreffenden Nachhaltigkeitsinformationen basieren.
Eine unabhängige Verifizierung reduziert diese Risiken erheblich. Sie schafft Sicherheit bei der externen Kommunikation von Nachhaltigkeitsleistungen und stellt sicher, dass Umweltangaben belastbar und nachvollziehbar sind.
7. Welche Bedeutung hat der PCF für die Abschlussprüfung?
Aus Sicht der Wirtschaftsprüfung gewinnen Nachhaltigkeits- und insbesondere Emissionsdaten zunehmend an Relevanz und entwickeln sich zu einem festen Bestandteil der Verifizierungs- & Prüfungspraxis. PCF-Daten stehen dabei verstärkt im Fokus, da sie häufig in die Nachhaltigkeitsberichterstattung und zunehmend auch in finanzrelevante Angaben z.B. bei Förderkriterien einfließen.
Inkonsistente, nicht nachvollziehbare oder methodisch unzureichend dokumentierte PCF-Daten können Prüfungshemmnisse verursachen. Sie erschweren die Nachvollziehbarkeit und können zu erhöhtem Prüfungsaufwand führen. Eine frühzeitige und strukturierte Verifizierung nach anerkannten Standards schafft hier Abhilfe: Sie verbessert die Qualität und Prüfbarkeit der Daten und kann Risiken in einer Abschlussprüfung minimieren.
8. Fazit: Verifizierung als strategischer Erfolgsfaktor
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Verifizierung von PCF-Daten vor dem Hintergrund wachsender regulatorischer Anforderungen, steigender Erwartungen von Stakeholdern und zunehmender Komplexität der Datenerhebung zu einem zentralen Erfolgsfaktor wird.
Unternehmen, die frühzeitig auf geprüfte und standardkonforme Emissionsdaten setzen, sichern nicht nur Compliance, sondern stärken auch ihre Glaubwürdigkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Verifizierte Daten schaffen Vertrauen und werden zunehmend zur Voraussetzung für nachhaltige Lieferketten und belastbare externe Kommunikation.
Was Unternehmen tun können
Unternehmen sollten ihre bestehenden PCF-Ansätze systematisch und kritisch überprüfen. Dabei gilt es sicherzustellen, dass Methodik, Datenquellen und Berechnungen den relevanten Standards entsprechen und auditfähig sind. Ebenso wichtig ist es, klare Verantwortlichkeiten sowie belastbare Prozesse für die Datenerhebung und -pflege zu etablieren. Gleichzeitig sollten bestehende Datenlücken und Unsicherheiten gezielt identifiziert und priorisiert adressiert werden.
Bereits kurzfristig können hierfür konkrete Maßnahmen angestoßen werden: Unternehmen sollten zunächst Transparenz über den aktuellen Stand und die Qualität ihrer PCF-Daten schaffen. Dazu gehört, kritische Datenquellen sowie potenzielle Schwachstellen in der Berechnung zu identifizieren. Zudem sollten sie die für sie relevanten Standards und Anforderungen prüfen.
Wie wir unterstützen:
Wir begleiten Sie von der Analyse über die methodische Optimierung bis zur Verifizierung mit dem Ziel, nicht nur Anforderungen zu erfüllen, sondern echten Mehrwert aus Ihren Daten und Ihren Prozessen zu schaffen.
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